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Die baden-würt­tem­ber­gi­sche Eltern­in­itia­ti­ve Schu­le Bil­dung Zukunft hat sich im letz­ten Jahr gegrün­det. Sie ist der Über­zeu­gung, dass der Ein­satz für gute Schu­len auch das Enga­ge­ment von uns Eltern for­dert. Hier folgt die Pres­se­mit­tei­lung zur Ver­an­stal­tung »Eine gute Schu­le für unse­re Kin­der! Eltern spre­chen mit«, die am 7. Okto­ber 2017 in Böb­lin­gen stattfand.

Erste öffentliche Veranstaltung der Elterninitiative Schule Bildung Zukunft in Böblingen

Für den 7. Okto­ber hat­te die baden-württembergische Eltern­in­itia­ti­ve Schu­le Bil­dung Zukunft zu einer Vor­stel­lung der Initia­ti­ve und zu einem Vor­trag mit Dis­kus­si­on nach Böblingen gela­den. Im voll besetz­ten obe­ren Saal des «Treff am See» folg­ten die Gäste den Schil­de­run­gen der Ver­tre­ter der Eltern­in­itia­ti­ve und einem Vor­trag des Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lers Mat­thi­as Bur­chardt von der Universität Köln.

Anschau­lich berich­te­ten die Eltern vom Schul­lall­tag ihrer Kin­der. Sie würden schon in der Grund­schu­le im Stich gelas­sen. Arbeitsblätter und Lückentexte verdrängen das gemein­sa­me Ler­nen in der Klas­sen­ge­mein­schaft. Die Bear­bei­tung von Wochenplänen blei­be ohne zeit­na­he Rückmeldung und Kor­rek­tur. Oft­mals müssen die Eltern mit ihren Kin­dern am Nach­mit­tag oder am Wochen­en­de zuhau­se ler­nen. Vie­len Eltern feh­len dafür aber Zeit und Kenntnisse.

Betrof­fe­ne Eltern haben des­halb im April 2016 eine Anzei­ge in der «Stutt­gar­ter Zei­tung» geschal­tet, die von mehr als 100 Eltern unter­schrie­ben wur­de. Die Eltern kri­ti­sier­ten die baden-württembergische Schul­po­li­tik der ver­gan­ge­nen Jah­re und for­der­ten eine deut­li­che Kurs­kor­rek­tur. Das enor­me Echo auf die­se Anzei­ge hat­te die Gründung der Eltern­in­itia­ti­ve zur Folge.

Mat­thi­as Bur­chardt erklärte die Hintergründe der von den Eltern geschil­der­ten Ent­wick­lung. Der Refe­rent war 2012 und 2013 Lehr­stuhl­ver­tre­ter an der Pädagogischen Hoch­schu­le Lud­wigs­burg und kennt von daher die Situa­ti­on in Baden-Württemberg gut. Bur­chardt sag­te, dass die Öffentlichkeit mit schönen Wor­ten getäuscht wird. Hin­zu kommt ein «Zah­len­zau­ber». So rühme sich die Bil­dungs­po­li­tik, die Abitu­ri­en­ten­zah­len enorm erhöht zu haben, ver­schwei­ge aber, dass die­se Ver­meh­rung auf Kos­ten der Qualität ging.

Am Werk sind Orga­ni­sa­tio­nen wie die OECD oder pri­va­te Stif­tun­gen. Sie sind nicht von den Bürgern gewählt, bestim­men aber die Bil­dungs­po­li­tik. PISA von der OECD zum Bei­spiel sei ein Instru­ment, um ein mecha­ni­sches Verständnis von Schu­le und Bil­dung in Euro­pa durch­zu­set­zen. Dabei wer­den aber die gro­ße Bedeu­tung der pädagogischen Bezie­hung zwi­schen Leh­rer und Schüler und die Bedeu­tung des Klas­sen­un­ter­richts in Fra­ge gestellt. Als wich­tigs­te Metho­de zur Durch­set­zung die­ser Pläne nann­te Bur­chardt das Chan­ge-Manage­ment. Berech­tig­ter Wider­stand soll mit Psy­cho­tech­ni­ken aus­ge­schal­tet, sach­li­che Dis­kus­sio­nen sol­len so ver­hin­dert werden.

Heu­te müsse man fest­stel­len, dass kein Ver­spre­chen, das mit den Schul­re­for­men der letz­ten Jah­re ver­bun­den war, gehal­ten wur­de. Die Kin­der ler­nen nicht mehr das Ler­nen, son­dern bekom­men Lernblockaden.

Die Signa­le der neu­en Kul­tus­mi­nis­te­rin, die Ent­wick­lung zu kor­ri­gie­ren, begrüßte Bur­chardt. Die Minis­te­rin selbst hat­te der Ver­an­stal­tung in Böblingen ein Gruß­wort zukom­men las­sen, in dem sie der Eltern­in­itia­ti­ve für ihr Enga­ge­ment dankte.

In der abschlie­ßen­den Dis­kus­si­on mel­de­ten sich Eltern und Eltern­ver­tre­ter, Kinderärzte, Leh­rer und Arbeit­ge­ber zu Wort. Sie würdigten das Anlie­gen und die Ver­an­stal­tung der Eltern. So ein Gedan­ken­aus­tausch mache Mut und gebe die not­wen­di­ge Kraft, um sich vor Ort für die Belan­ge der Kin­der ein­zu­set­zen. Ein Ver­tre­ter eines gro­ßen mittelständischen Ver­ban­des beklag­te den Man­gel an Fachkräften mit einem soli­den Real­schul­ab­schluss. Er ver­sprach der Eltern­in­itia­ti­ve sei­ne Unterstützung und warb sehr dafür, den mitt­le­ren Bil­dungs­ab­schluss wie­der auf­zu­wer­ten. Am Schluss stand die Bemer­kung eines Hand­werks­meis­ters und Mit­glieds des Lan­des­el­tern­bei­ra­tes, die Eltern würden noch zu wenig mit­ein­an­der reden. Der heu­ti­ge Tag habe ihn des­halb beson­ders gefreut, und er hof­fe auf vie­le wei­te­re sol­che Tage.

Eltern­in­itia­ti­ve „Schu­le Bil­dung Zukunft“
 — Dr. med. Frie­de­ri­ke Kramer -
Ried­hei­mer Str. 7
78247 Hilzingen
e‑mail:info@elterninitiative-schule-bildung-zukunft.de

Gruß­wort von Minis­te­rin Dr. Eisen­mann zur Ver­an­stal­tung [PDF]

Sinus-Studie zeigt Lebenswelten
Jugendliche wollen »sein wie alle«

Alle vier Jah­re unter­sucht das Sinus-Insti­tut, wie deut­sche Jugend­li­che ticken. Ein fried­li­ches Schlag­licht wirft die Unter­su­chung in die­sem Jahr: Die Lebens­wel­ten wach­sen zusam­men, Tole­ranz und gemein­sa­me Wer­te wer­den immer wichtiger.

Streb­sam, prag­ma­tisch und fast schon über­an­ge­passt: Noch nie seit der Nach­kriegs­zeit ist die Jugend in Deutsch­land so wenig rebel­lisch gewe­sen wie heu­te. Das ist ein Haupt­er­geb­nis der neu­en Sinus-Jugend­stu­die, die Sozi­al­wis­sen­schaft­ler in Ber­lin vor­stell­ten. Dabei haben die Exper­ten die Lebens­wel­ten der 14- bis 17-jäh­ri­gen Deut­schen genau­er unter die Lupe genom­men. Das Ergeb­nis zeigt, dass die­se zwar sehr unter­schied­lich sind, die Jugend­li­chen zugleich aber zusam­men­rü­cken. Gro­ße Sub­kul­tu­ren, die vor­ran­gig auf Abgren­zung und Pro­vo­ka­ti­on abzie­len, gibt es kaum noch.

»Main­stream« ist dabei für vie­le ein Schlüs­sel­be­griff im Selbst­ver­ständ­nis bei der Selbst­be­schrei­bung. Vie­le wol­len mehr noch als vor weni­gen Jah­ren so sein »wie alle«. Ein mehr­heit­lich gemein­sa­mer Wer­te­ka­non vor allem aus sozia­len Wer­ten deu­tet den Exper­ten zufol­ge auf eine gewach­se­ne Sehn­sucht nach Auf­ge­ho­ben- und Akzep­tiert­sein, Gebor­gen­heit, Halt sowie Ori­en­tie­rung hin.

Toleranz, kein Fanatismus

Die Mehr­heit der Jugend­li­chen ist sich der Stu­die zufol­ge dar­in einig, dass gera­de in der heu­ti­gen Zeit ein gemein­sa­mer Wer­te­ka­non von Frei­heit, Auf­klä­rung, Tole­ranz und sozia­len Wer­ten gel­ten muss, weil nur er das »gute Leben«, das man in die­sem Land hat, garan­tie­ren kann. Und, vor dem Hin­ter­grund der Flücht­lings­the­ma­tik beson­ders span­nend: Das trifft auch und gera­de für die Jugend­li­chen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu, allen vor­an die mus­li­mi­schen. Die­se distan­zie­ren sich demons­tra­tiv von reli­giö­sem Fun­da­men­ta­lis­mus. Die Akzep­tanz von Viel­falt nimmt zu, vor allem reli­giö­se Tole­ranz wird als wich­ti­ge sozia­le Norm hervorgehoben.

Dabei spielt die Reli­gi­on eine gerin­ge­re Rol­le als Wer­te »an sich«. Jugend­li­che sind der Stu­die zufol­ge zwar an Sinn­fra­gen inter­es­siert, aber skep­tisch gegen­über Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten als Insti­tu­tio­nen. Die eige­ne Glau­bens­ge­mein­schaft ist in den meis­ten Lebens­wel­ten nicht beson­ders wich­tig, wird aber auch nicht grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt. Reli­giö­se Hete­ro­ge­ni­tät im Freun­des­kreis wird akzep­tiert, wich­tig ist jedoch, dass es eine gemein­sa­me Wer­te­ba­sis gibt. Reli­giö­se Begrün­dun­gen von Gewalt leh­nen Jugend­li­che aller Lebens­wel­ten deut­lich ab. Spe­zi­ell bei den befrag­ten mus­li­mi­schen Jugend­li­chen zeigt sich eine Fes­ti­gung von reli­giö­ser Toleranz.

In allen Lebens­wel­ten fin­det sich eine Mehr­heit für die Auf­nah­me von Geflüch­te­ten und Asyl­su­chen­den. Ganz sind die Sor­gen aber nicht getilgt: In Tei­len der Jugend in Deutsch­land wer­den auch Res­sen­ti­ments und aus­gren­zen­de Hal­tun­gen gegen­über Men­schen ande­rer natio­na­ler Her­kunft und sozia­len Rand­grup­pen geäußert.

Die große Frage der Nachhaltigkeit

Auch Digi­ta­li­sie­rung und Nach­hal­tig­keit sind The­men, die bei den Jugend­li­chen auf der Agen­da ste­hen. Aus der Per­spek­ti­ve vie­ler ist der Höhe­punkt der digi­ta­len Durch­drin­gung des eige­nen All­tags erreicht. Die bis­lang als jugend­ty­pisch ein­ge­ord­ne­te, bedin­gungs­lo­se Fas­zi­na­ti­on ist offen­bar größ­ten­teils geschwun­den. Jugend­li­che ken­nen die Risi­ken wie Über­wa­chung oder unkon­trol­lier­te Daten­nut­zung. Des­halb möch­ten sie der Stu­die zufol­ge digi­ta­le Medi­en nicht nur nut­zen, son­dern auch ver­ste­hen. Digi­ta­le Kom­pe­ten­zen sind in den Lebens­wel­ten dabei immer noch unter­schied­lich ausgeprägt.

Zwei­fel kom­men Jugend­li­chen vor allem bei der Fra­ge, was sie selbst bewir­ken kön­nen: Umwelt­schutz, die Erhal­tung der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen und kri­ti­scher Kon­sum beschäf­ti­gen die 14- bis 17-Jäh­ri­gen zwar. Im All­tag ist die Hand­lungs­re­le­vanz die­ser The­men den Stu­di­en­au­toren jedoch aus ver­schie­de­nen Grün­den beschränkt: Prei­s­ar­gu­men­te und das Gefühl, dass Ein­zel­ne nicht viel ändern kön­nen, sor­gen dafür, dass Jugend­li­che ihr Kauf­ver­hal­ten in der Pra­xis kaum anpassen.

Die Jugend­stu­die wird alle vier Jah­re vom Sinus-Insti­tut durch­ge­führt. Die Ergeb­nis­se beru­hen auf qua­li­ta­ti­ven Tie­fen-Inter­views, die mit Jugend­li­chen geführt wur­den. Auf­trag­ge­ber sind die Arbeits­stel­le für Jugend­seel­sor­ge der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, der Bund der Deut­schen Katho­li­schen Jugend, die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, die Deut­sche Kin­der- und Jugend­stif­tung und die VDV-Akademie.

AUSGEWÄHLTE ERGEBNISSE DER SINUS-JUGENDSTUDIE

ZUWANDERUNG: Tole­ranz wird im Ergeb­nis in fast allen Jugend­mi­lieus groß geschrie­ben. Anders als in der Welt der Erwach­se­nen ist die Sor­ge vor Zuwan­de­rung kein gro­ßes The­ma, Teen­ager zeig­ten eher Mit­ge­fühl mit Flücht­lin­gen. Dazu kommt ein Prag­ma­tis­mus, den die For­scher der jun­gen Genera­ti­on gene­rell attes­tie­ren. Zuwan­de­rung sehen vie­le Jugend­li­che nur so lan­ge als akzep­ta­bel an, wie die Kapa­zi­tä­ten für eine gelun­ge­ne Inte­gra­ti­on aus­rei­chen. Res­sen­ti­ments gegen Flücht­lin­ge fan­den sich auch — aller­dings häu­fig in Form von Ste­reo­ty­pen, die Teen­ager vom Hören­sa­gen kann­ten. Die Wis­sen­schaft­ler erklä­ren sich die Offen­heit auch mit der mul­ti-eth­ni­schen Wirk­lich­keit, in der vie­le Jugend­li­che heu­te auf­wach­sen, vor allem in gro­ßen Städten.

WERTE: Oben auf der Prio­ri­tä­ten­lis­te ste­hen Gemein­schaft, Fami­lie, Sicher­heit und Wohl­stand. Dazu kom­men Frei­heit, Tole­ranz und sozia­le Wer­te. Für die Plan­bar­keit von Leben und Kar­rie­re neh­men Jugend­li­che klas­si­sche preu­ßi­sche Tugen­den wie Pflicht­er­fül­lung in Kauf. Was nicht heißt, dass sie auf Ich-Fixie­rung, Span­nung, Spaß und Risi­ko bis zur Eksta­se ver­zich­ten. »Hart fei­ern, aber gute Noten«, lau­tet ein Credo.

DIGITALE WELT: Für Teen­ager gibt es kein Dasein ohne Inter­net und Smart­pho­ne. Leben heißt »online sein«. Ohne sozia­le Medi­en dro­he Aus­gren­zung, lau­tet ein Fazit. Die bedin­gungs­lo­se Fas­zi­na­ti­on aber beginnt zu brö­ckeln: Der Umgang mit neu­en Medi­en ist mit Blick auf die Her­aus­ga­be per­sön­li­cher Daten zuneh­mend kri­tisch und selbst­be­stimmt. Zum ers­ten Mal wächst eine Min­der­heit, die sich der digi­ta­len Dyna­mik mit dem Wunsch nach Ent­schleu­ni­gung zeit­wei­se ent­zie­hen will. »Die Jugend­li­chen sind bes­tens mit Gerä­ten aus­ge­stat­tet und wunsch­los glück­lich«, sagt Calmbach.

LIEBE: Es gibt einen brei­ten Kon­sens, dass Ver­trau­en, Ehr­lich­keit und Ver­läss­lich­keit zen­tra­le Vor­aus­set­zun­gen für eine Part­ner­schaft sind. Der gro­ße Wunsch ist eine sta­bi­le Bezie­hung bis spä­tes­tens Mit­te 30. Auch der Wunsch nach einer eige­nen Fami­lie ist früh da — vie­le Jugend­li­che kop­peln die Idee aber an einen siche­ren Job und guten Lebensstandard.

Die­ser Arti­kel kann im Ori­gi­nal direkt bei n‑tv abge­ru­fen werden.

Die­se Sinus-Stu­die kann für Inter­es­sier­te auch als PDF-Datei her­un­ter­ge­la­den wer­den [via Ber­li­ner-Zei­tung, 7,2 MB, 489 Seiten]